Peter Mestel - Social Media. Keine Tanzvideos.

GPTismus

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GPTismus

Warum die hässlichsten Bilder des Internets keine Geschmackskatastrophe sind, sondern ein Umbruch wie der Buchdruck.

Gerade behaupten alle dasselbe: KI sei die größte Geschmackskatastrophe seit WordArt.

Döner-Flyer mit Goldverlauf. 47 Call-to-Actions. Der Stockfoto-Coach mit den zu perfekten Zähnen. Darunter, verlässlich, der immer gleiche Kommentar: „Meine Augen bluten."

Alle nicken. Alle teilen. Alle fühlen sich überlegen.

Ich glaube davon kein Wort.

Diese Bilder waren nie „Design"

Der erste Fehler steckt schon in der Empörung. Sie behandelt einen Döner-Flyer, als wäre er ein gescheiterter Designentwurf. Das war er nie.

Der Döner-Laden, der Coach, der Beauty-Salon – das war immer laute, funktionale Gebrauchsgrafik. Ihr Ziel war nie Schönheit. Es war ein lautes Statement. Goldener Verlauf, Badges, Ausrufezeichen: kein Versagen von Geschmack, sondern ein anderes Spiel mit einem anderen Ziel.

Wir haben das nur vergessen. Im Canva-Zeitalter wird jedes angepasste Template stillschweigend mit Kunst gleichgesetzt, der Gestalter zum obersten Geschmacksrichter erhoben. Und jetzt, wo die Maschine dieselbe funktionale Schicht für 0 € liefert, halten wir den Preisverfall der Kompetenz für einen Geschmacksverfall.

Das ist eine Verwechslung. Und ich sage das als jemand, den sie trifft.

Warum mich das angeht

Ich bin gelernter Mediengestalter. Ich habe Typografie als Handwerk gelernt, in einer Zeit, in der dieses Handwerk einen Preis hatte. Als Agenturinhaber sehe ich die Konsequenz noch schärfer: Reine Gestaltung generiert keinen Deckungsbeitrag mehr.

Die Herstellung, für die unsere Branche fünfzehn Jahre lang Geld genommen hat, ist zur Gratis-Schicht geworden. Das ist keine Bedrohung, die kommt. Das ist eine, die da ist.

Und nein – „echtes Design" als Edel-Gegenwelt rettet niemanden. Niemand zahlt für schön, wenn gut genug gratis ist.

GPTismus ist keine Ästhetik. Er ist eine Produktionslogik.

Man könnte GPTismus für einen Stil halten: busy, Gold, Badges, zu glatt. Aber der Stil ist nur das Symptom. Was wir sehen, ist die Vernakularsprache einer Welt, in der Herstellung, Variation und Distribution nahezu kostenlos geworden sind.

Vernakulär heißt: von unten gewachsen, aus dem Gebrauch, nicht aus der Vorschrift. Die Umgangssprache gegen die Hochsprache. Venturi und Scott Brown haben den Begriff in „Learning from Las Vegas" (1972) auf die gestaltete Welt übertragen: Sie haben die billige Reklame am Strip nicht als Schund abgetan, sondern als hochpräzises Kommunikationssystem ernst genommen. Erst verstehen, was etwas leistet – dann urteilen.

GPTismus ist genau das, eine Stufe weiter: die erste eigene Bildsprache einer Welt, in der nicht mehr nur die Grafik billig ist, sondern der gesamte Produktionsprozess. Text, Bild, Video, Layout, Variation – alles.

Deshalb taugt der Begriff. Er beschreibt keinen Stil. Er beschreibt einen Umbruch.

Der richtige Vergleich ist nicht Las Vegas. Es ist der Buchdruck.

Venturi liefert die Methode: beschreiben statt urteilen. Aber den eigentlichen Vergleich liefert er nicht. Der ist älter – und viel größer.

Gutenberg → Jeder kann drucken. (Nicht nur Klöster) Desktop Publishing → Jeder kann layouten. (Nicht nur Setzer) Canva → Jeder kann Gestaltung anwenden. (Templates) GPTismus → Jeder kann Gestaltung erzeugen. (Kein Template nötig.)

Der Sprung von Canva zu GPTismus ist kein gradueller. Canva demokratisierte Gestaltung innerhalb der alten Produktionslogik: Hier sind Templates, wende sie an. GPTismus ersetzt die Logik: Warum überhaupt ein Template? Ich erzeuge kurz zehn Designs.

Anwenden und erzeugen sind nicht dasselbe. Das ist ein Sprung, kein Schritt.

Der entscheidende Satz: Die Entscheidung wandert

Klassische Gestaltung wurde vor der Veröffentlichung von einem geschulten Auge beurteilt. Der ganze Wert des Gestalters lag in diesem Vor-Urteil: Ich entscheide vor der Produktion, was funktioniert. Das war teuer, weil Produktion teuer war. Man musste richtig liegen, bevor man druckte.

GPTismus macht dieses Vor-Urteil überflüssig. Wenn Produktion nichts kostet, muss eine Gestaltung nicht mehr richtig sein, bevor sie erscheint. Sie muss nur gut genug sein, um zu erscheinen. Den Rest erledigt das Feedback.

Damit wandert der Entscheidungszeitpunkt: von vor der Veröffentlichung, durch ein Auge, zu nach der Veröffentlichung, durch viele Augen.

Der Flyer ist kein fertiges Werk mehr. Er ist eine Hypothese. Funktioniert sie nicht, kommt morgen die nächste. Das ist nicht die Logik klassischer Grafik. Das ist die Logik von TikTok: Ein Video ist heute selten „fertig" – es ist ein Test.

GPTismus ist die TikTok-Werdung der Gestaltung.

Wo die Maschine scheitert – und der Wert sich verschiebt

Ein guter Gebrauchsgrafiker weiß, dass auch der lauteste Flyer eine Dominante braucht – eine Botschaft, die zuerst trifft. Die Maschine weiß nicht, was zuerst ins Auge springen soll. Sie hat gelernt: „kommerziell = busy + Gold + Badges". Also produziert sie 47 gleich laute Brennpunkte statt einem. Sie kopiert die Zeichen des Funktionalen ohne die Disziplin dahinter.

Genau dort, wo sie scheitert, wird sichtbar, was knapp geworden ist. Nicht die Produktion kompetenter Bilder – die ist jetzt gratis. Sondern die Entscheidung, was weg muss.

Der Profi streicht 46 der 47 Brennpunkte und behält den einen, der trifft.

Knapp ist nicht mehr das Herstellen. Knapp ist das Weglassen.

Resonanz vor Reichweite

GPTismus ist das Gesicht der Reichweiten-Maschine: Produktion billig, Distribution billig, Iteration umsonst. Der menschliche Gegenzug ist dann nicht „besserer Geschmack" – das wäre dieselbe Logik wie die der Maschine, nur teurer. Es ist auch nicht „mehr Output".

GPTismus optimiert. Der Mensch schafft Bedeutung manchmal gerade dadurch, dass er es nicht tut. Dass er bewusst das wählt, was sich nicht rechnet. Das Unpromptbare statt das Wahrscheinlichste.

Das ist Resonanz vor Reichweite, übersetzt in die Bildebene. Die Maschine flutet die funktionale Schicht. Was bleibt, ist Urteilskraft – die Frage, was man weglässt, und der Mut, gegen die Optimierung zu entscheiden.

Kein Argument. Ein Genre.

„Meine Augen bluten" ist die ewige Reaktion auf jede neue Vernakularsprache. So war es bei der Leuchtreklame. So war es bei WordArt – heute legible, fast nostalgisch. So ist es jetzt bei GPTismus.

Das ist die Reaktion der ausgebildeten Geschmacksrichter auf eine Sprache, die niemand ihnen vorgelegt hat. Und die sie meist erst Jahrzehnte später als eigenständige Ästhetik anerkennen.

GPTismus ist keine Katastrophe. Er ist der kulturelle Marker einer neuen Arbeitsweise:

Erzeugung vor Gestaltung.

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